Monatsarchiv für Mai 2009

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Andrea Wille* – Partnerin eines Krebspatienten (Teil 1)

Andrea Wille, geboren Mitte der 1960-er Jahre, wächst in einer westdeutschen Kleinstadt auf. Die Mutter leidet an einer schweren psychischen Erkrankung. Ihre acht Jahre ältere Schwester zieht mit Erreichen der Volljährigkeit aus der elterlichen Wohnung aus. Der Vater ist aufgrund der bedrückenden häuslichen Situation häufig abwesend. So ist es Andrea, die ab ihrem zehnten Lebensjahr die erste Bezugsperson für die kranke Mutter darstellt, die ihr sowohl bei den alltäglichen Verrichtungen als auch seelisch beisteht. Trotzdem kann sie, als sie 16 Jahre alt ist, den Selbstmord ihrer Mutter – nach mehreren gescheiterten Versuchen – nicht verhindern.

Andrea Wille beendet die Schule mit dem Fachabitur. Sie zieht in eine Großstadt und erlernt hier  einen Pflegeberuf. Mit 23 bekommt sie ihr erstes Kind, einen Sohn. Die Beziehung mit dem Vater des Kindes scheitert jedoch. Andrea entschließt sich, das Studium der Heilpädagogik auzunehmen. Ihren Lebensunterhalt bestreitet sie, indem sie nebenher als Krankenpflegerin arbeitet.

Während des Studiums lernt Andrea Wille Ralf Merks* kennen, der ebenfalls Heilpädagogik studiert. Die beiden werden ein Paar. Ralf hätte sich gewünscht, Berufsmusiker zu werden. Doch diesen Traum verfolgt er nie ernsthaft. Und auch das Studium bricht er ab. Er wechselt in die Computerbranche, wird Programmierer. Die Identifikation mit diesem Job bleibt gering.

Andrea Wille jedoch ist ehrgeizig und karrierebewusst. Während sie noch an ihrer Dissertation schreibt, bekommt sie eine Stelle bei einem Forschungsprojekt angeboten, die sie auch annimmt. Andrea Wille, ihr Sohn und Ralf Merks ziehen hierfür in eine kleine Universitätsstadt. Ralf kann sich dort zwar nicht gut einleben, trägt aber die berufliche Entwicklung seiner Partnerin mit, indem er sich um die Hausarbeit und die Versorgung des Jungen kümmert. Andrea Wille bringt eine Tochter zur Welt. Einige Monate später wird bei Ralf Merks ein Gehirntumor diagnostiziert.

Ralf Merks unterzieht sich einer Operation, der ein stationärer Rehaaufenthalt folgt. Doch im Anschluss kehrt er nicht in die Universitätsstadt zu seiner Familie zurück. Da er dort nie heimisch werden konnte, zieht es ihn zurück in seine Heimatstadt. Um ihrem Partner beizustehen, gibt Andrea Wille ihre Stelle auf und folgt Ralf zurück in die Großstadt. Auf Vermittlung ihres Vorgesetzten erhält sie ein Stipendium, so dass sie fortan von Zuhause aus an ihrer Dissertation weiterarbeiten und sich gleichzeitig um ihre Kinder und den kranken Partner kümmern kann.

*Namen geändert

(Dieser Bericht basiert auf der soziologischen Fallstudie “Frau Wille: ‘Dass man immer das Gefühl hat, eigentlich kann man ja machen soviel man möchte, es ist ja nie genug’”, Seite 99-112, aus dem Buch “Mit dem kranken Partner Leben – Anforderungen, Belastungen und Leistungen von Angehörigen Krebskranker” von Christine Schönberger und Ernst von Kardoff, Leske + Budrich, Opladen, 2004)

Geschrieben von admin am 1. Mai 2009 | Abgelegt unter Allgemein | Kommentare deaktiviert